Textauszüge Brasilien

Kreuz und Quer

2 Rio de Janeiro1 Rio de JaneiroEs wird Nachmittag, bis wir zum 396 Meter hohen „Pão de Açúcar“ (Zuckerhut) aufbre­chen können. Lange Zeit galt der markante Granitbu­ckel als uneinnehmbar, bis ihn 1817 eine Engländerin kletternd bezwang. Heute be­zwingt ihn eine Drahtseilbahn. Auf der Zwi­schenstation, dem 220 Meter hohen „Morro da Urca“ lässt die prächtige Aussicht bereits ahnen, was uns ganz oben erwartet. Viel Zeit zum Staunen bleibt nicht, denn alle drängen zur nächsten Gondel, die ihre Fahrgäste auf dem Gipfel in einem unbeschreiblichen Menschengewühl entlässt. Kamerabehängte Touristengruppen aus so gut wie allen be­kannten Reisenationen mühen sich mit uns durch ein Heer von Eisverkäufern, Souvenir­händlern, Touristenfotografen und Dolmet­schern. In Daniels Schlepptau ergattern wir dann doch noch einen Platz, von wo aus sich ein Panorama von grandioser Schönheit präsentiert. Harmonisch eingebettet zwischen Meer und Bergen, Wäldern und Stränden breitet sich Rio de Janeiro in Licht und Schat­ten getaucht zu unseren Füssen aus. „Wie schön, wie wunderschön“, murmle ich vor Be­geisterung ein ums andere Mal an Cécile gewandt, in deren Augen Tränen stehen. Ich kann erahnen, bei wem ihre Gedanken jetzt sind. „In sieben Tagen hat der liebe Gott die Welt geschaffen. Am achten Tag hat er sich ganz auf Rio de Janeiro konzentriert“, de­klamiert neben uns Julie. Dem ist nichts hinzu­zufügen. Am frühen Abend sind wir wie­der an der Copacabana. Inmitten von Joggern jeden Alters und leidenschaftlich spielen­den Fußballern flanieren wir den Strand entlang, bis die Zeit zum Abendessen gekom­men ist˚…

3 Paraty4 Paraty, Pousada de SantiAm späten Nachmittag treffen wir in Paraty ein, das auch als „Perle am Atlantik“ bezeichnet wird. Weil die Stadt autofrei ist, erreichen wir die „Pousada do Sandi“ zu Fuss. Das grobe Kopfsteinpflaster, einst von Sklaven verlegt, könnte für modisch filigrane Schuhe zum Problem werden, was bei uns keine Rolle spielt, denn unsere Füße stecken in gediegenem Schuhwerk. Die Einzigen die lei­den, sind die Kofferträger, die das Gepäck auf den Schultern hinterher schleppen. „Sind wir hier tatsächlich richtig oder haben wir uns in der Tür geirrt und sind aus Versehen bei einem millionenschweren „Carioca“ im Salon gelandet?“, frage ich Hans erstaunt, als ich hinter ihm unsere Herberge für die kommenden drei Tage betrete. „Nein, wir sind in der „Pousada do Sandi“ ange­kommen“, klärt Daniel lachend auf. Meine Frage ist berechtigt, denn was sich dem Auge bietet, ist von edelster Art: sei es das Mobiliar, die Lampen, Vasen, Skulpturen oder Gemälde aus verschiedenen Kunstepochen. Die Liebe zum De­tail lässt sich auch in unserem Zimmer erkennen, in dem die mit Schnitzereien reich ver­zierte Bettstatt das Prunkstück darstellt. „Weniger wäre mehr“, lasse ich vernehmen, nachdem ich zweimal über einen verschnörkelten Stuhl im Badezimmer gestolpert und genauso viele Male auf dem Perserteppich davor ausge­rutscht bin. Dafür begeistern die vor den Fenstern baumelnden Gaslaternen aus geschliffenem Glas. Lobend äußern sich auch Cécile und Fred, mit denen ich im Pool zusammentreffe, der malerisch im üppig bepflanzten Innenhof liegt˚…

5 Manaus, am Hafen6 AmazonasEs ist 10:00 Uhr, als wir unser „Basisla­ger“ verlassen und zur Anlegestelle wandern, wo zwei Kanus auf uns warten. In Gesellschaft vieler anderer Boote knattern wir gemächlich Manaus entgegen, wo wir im Wirrwarr des Ha­fens anlegen. Sowohl auf dem Wasser, wie auch an Land, herrscht immer ein überwältigendes Chaos. Alters­schwache Kähne, durch Bretter­stege zu schwimmenden Siedlungen vertäut, lassen nicht einmal erahnen, wo das Wasser anfängt und das Land aufhört. Flussmenschen in ihren Kanus bieten Obst, Fisch und Gemüse an – in unmittelbarer Nachbarschaft dickbauchiger Fährschiffe, mehrstöckiger Amazonas-Flussdampfer und blitzblanker Kreuzfahrtschiffe. Es stinkt nach Abgasen und Fisch. Im Wasser schaukeln ein toter Hund, verendete Vö­gel, Fische, Büchsen, Flaschen, faule Früchte, Präservative. Auf dem Markt, der zugleich Freiluftküche und Spezialitätenimbiss ist, wird nicht nur gehandelt und eingekauft, son­dern auch reger Tauschhandel betrieben. Es klingt nach orientalischem Markt mit Ani­mateuren, die die potentiellen Käufer in die Läden oder an ihre Stände locken. Für Daniel bedeutet Manaus das sprichwörtliche tropische Lebensgefühl. Bei uns überwiegt die Skepsis. Auf manchen Gesichtern ist auch Ekel zu erkennen, dabei leisten wir mit unse­rem „helvetischen Wandervogel-Habitus“ einen nicht zu ver­achtenden Beitrag zur Exotik des Marktes˚…

7 Salvador8 SalvadorKeine Metropole verkörpert die Seele Brasi­liens mehr als Salvador da Bahia. Durch Vermischung mit europäi­schen Einflüssen ent­wickelte sich eine faszinierende und ganz spezielle afro-brasilianische Kultur, die auch heute noch überall in Salvador zu spüren ist und den besonderen Reiz dieser Stadt ausmacht. Nicht einmal die distanziertesten Reise­muffel können sich dem afro-brasilianischen Rhythmus entziehen, der überall auf Plätzen und Straßen vibriert. Oder mit den Worten Jorge Amados, des bedeutenden Literaten Bahias: Uralt, gediegen und verführerisch ist die Schönheit dieser Stadt, sie lockt und macht süchtig mit all ihren Reizen und lauernden Gefahren˚…

Um 18:00 Uhr geht es zurück ins Stadtzentrum, wo wir das Tanztheater „Balé Folclórico da Bahia“ besuchen. Bis es so weit ist, nehmen wir nahe des Pelourinho an einem der vielen Tische Platz. Von überall her dröhnt Musik, vor allem Samba-Klassiker, die die Stimmung gewaltig anheizen. Dass wir als Touristen für die fliegenden Händler Objekte der Begierde sind, ist nicht verwunderlich, auch dass das Wechselgeld nicht immer nach Adam Riese berechnet zurückkommt. Willig lassen wir uns die „Lembrança do Senhor do Bonfim da Bahia“-Bändchen ums Handgelenk binden, die als Glücksbringer gelten und Wünsche erfüllen sollen. Und ebenso gerne erliegen wir dem Charme der Straßen­kinder, die mit treuherzigen Kinderaugen um „milde Gaben“ bitten. Einem jungen Gei­ger, der seinem Instrument unendlich schöne Töne entlockt, stecke ich klammheimlich zehn Reais zu und werde von da an bewacht und befiedelt. Im Zentrum der anschmieg­samen Zuneigungen steht unsere spröde Irma, die vor Wonne zerfließt, als ihr ein beson­ders hübscher Knabe Küsschen auf die Wangen haucht und seinen Kopf zutraulich an den ihren bettet. „Du kleiner süßer Schnuckel, du.“ Hingeflossen schwelgt sie in den Liebkosungen und merkt dabei nicht, wie ihre goldene Kette von Zauberhand bewegt den Hals verlässt. Zufällig beobachte ich das Geschehen und ziehe es vor zu schweigen. Ich staune nicht nur über das raffinierte Vorgehen der kleinen Gauner, auch über ihren Scharfblick für das „ideale Opfer“; gleichzeitig erinnern sie an Jorge Amados Buch „Herren des Strandes“ und an das darin beschriebene Elend, in dem diese meist elternlo­sen Kinder leben und aufwachsen müssen. Als die Tat vollbracht ist, sind Kinder und Geiger wie vom Erdboden verschluckt. Hans und ich sind uns einig, dass Irma den Ver­lust verschmerzen kann˚…

9 Curitiba, Serra Verde Express10 Unterwegs nach MorretesVom Süden in den zentralen Westen

Die Schmalspurbahn zwischen Curitiba und der Hafenstadt Paranaguá wurde im Jahre 1885 nach fünfjähriger Bauzeit fertig gestellt. Die über 150 Kilometer lange Strecke wird als technische Meisterleistung ihrer Zeit beschrieben und kostete wegen der sehr schwierigen Trassenführung durch die „Serra do Mar“ zahllosen Arbeitern das Leben. Bis zum Meer wird ein Höhenunterschied von 950 Metern bei Ge­fällstrecken von bis zu 3,3 Prozent überwun­den. Mit engen Kurven, 13 Tunneln sowie 67 Brücken und Viadukten über tiefe Schluchten, ist diese Bahnstre­cke die atemberau­bendste Brasiliens. Anfangs führt die Strecke durch verschiedene Vororte, bis sie von Wiesen abgelöst werden, in denen blaue Hortensienhecken und in allen Rottönen leuch­tende Montbretien den Ton ange­ben. Nach ungefähr einer halben Stunde taucht man dann in die „Mata Atlântica“ ein, jenen Regenwald, der sich einst flächendeckend über die gesamte Ostküste Brasiliens ausdehnte. Erdgeschichtlich soll die „Mata Atlântica“ älter sein als der Amazonas-Urwald und der Artenreichtum wesentlich vielseitiger. Da­von können wir uns wäh­rend der Fahrt überzeugen. Unter den bis zu 60 Meter hohen Bäumen herrscht ein schattiges Mikroklima, in dem Moose, Fleißige Lieschen, Orchi­deen, Fuchsien, Bananen, Baumfarne und andere exotische Pflanzen gedeihen. Die Üp­pigkeit der Farben ist überwältigend – vor allem in den unzähligen Blumenrabatten, die von der Gischt der Bäche benetzt werden, die über skurrile Felsen schäumend ins Tal stürzen. Diejenigen, die sich für die Tras­senführung der Bahnlinie oder für die geologi­schen Besonderheiten interessieren, erhalten durch den Lautspre­cher die entsprechenden Informationen, wobei der Zug dann Schritttempo fährt. Der Höhepunkt der Fahrt ist der Streckenabschnitt vor dem Rochedo-Tunnel beim Pico do Marumbi (1.539 Meter). Hier klebt das Gleis geradezu am Fels, der auf der linken Seite – in Fahrtrichtung – fast senk­recht abstürzt. Das Fahrgefühl gleicht dem auf einer Achterbahn kurz vor der ersten Sturzfahrt. Schon während der bisherigen Fahrt waren die fotobegeisterten Mitreisenden ständig in Bewegung. An dieser Stelle werden alle Rücksichten über Bord geworfen. Und weil wir auf der linken, „fotogenen“ Seite sitzen, leiden wir nicht nur unter den Rangeleien der Fotografen, sondern auch unter deren Achselschweiß, dessen Geruch sich bei ihren Verrenkungen über unseren Köpfen entfaltet und die würzige Bergluft ver­drängt. Beim Zwischenstopp in Marumbi verlassen viele – vor allem die unhöflichsten „Stinker“ – den Zug. Danach wird es gemütlicher. Auch die Landschaft verwandelt sich. Statt Felsen und Schluchten durchfahren wir nun ein Waldgebiet. Die Bäume bilden mit ihren breiten Kronen ein immergrünes geschlossenes Blätterdach, das bis zum Meer reicht˚…

11 Pomerode12 PomerodeWährend ich Hans vorlese, fahren wir in Pome­rode ein und entdecken zu unserer großen Erleichterung gleich eine Tankstelle. Der Tankwart ist ein etwa 40-jähriger freundlicher Mann mit heller Haut, blondem Haar und kantigen Gesichtszügen. Als er einige Wortfetzen von uns aufschnappt, fragt er neugie­rig: „Sin Se von driiben?“ Wir bejahen dies und fügen wegen unseres Dialekts ergänzend hinzu: „Aus der Schweiz.“ „O heiliger Bimbam, ich stamme auch von Schweizern ab. Nennt mich Lúcio, ihr seid meine Freunde“, kommt es begeistert zurück. Er spricht einen Mix aus pommerschem Platt mit portugiesischen Wörtern. Ich höre ihm begeistert zu, weil ich dieses Mal keinen Dolmetscher brauche. Regelrecht ins Schwärmen kommt Lúcio bei Toblerone, die er als die beste Schokolade der Welt bezeichnet. Als ich eine aus unserem Notvorrat zaubere, strahlt er über das ganze Gesicht. Zu seiner Heimatstadt erfahren wir von ihm kurz gefasst Folgendes. Das beste Essen wie Eisbein und Sauer­kraut oder Bockwurst mit Bratkartoffeln gibt es im Restaurant „Wunderwald“ und wenn wir Lust auf Tor­ten haben, dann empfiehlt er uns das „Tortenparadies“. An allen Schulen wird Deutsch unterrichtet, es gibt kaum Kriminalität und bei Fußballweltmeisterschaften ist man auf der Seite der Deutschen, aber nur wenn Brasilien nicht mehr im Spiel ist. Schade ist, dass wir nicht später gekommen sind, denn Mitte Januar findet die „Festa Pomerana“ statt mit dem traditionellen Fischer- und Vogelstechen, Trachtenumzügen und Blasmusik. Das lockt selbst japanische Gäste nach Pomerode. Dann gibt es noch das Schützenfest im Juli, bei dem unter anderem die Folkloretanzgruppen „Alpino-Germâ­nico“, „Pomerano“ und „Edelweiß“ auftreten. Was man so am liebsten singe, erlaube ich mir als Zwischenfrage. Favorit sei das Kufsteinlied und wenn gefeiert und geschunkelt wird, dann auch „Rosamunde, schenk mir dein Sparkassenbuch“ oder „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“. Aber nun sollen wir uns aufmachen Pomerode selbst zu ent­decken, derweil er aufs Auto aufpasst…

13 Tabakfeld14 Guten AppetitNoch immer bestimmen Wälder mit einem Bestand von mächti­gen Araukarien das Landschaftsbild. Dazwischen liegen Seen mit malerischen Inselchen, eingerahmt von blau blühenden Hortensien. Im Laufe des Morgens verlassen wir den Bundesstaat Santa Catarina und befinden uns von da an in Rio Grande do Sul. Mit dem Wechsel verändert sich auch das Landschaftsbild. Es gibt nur noch vereinzelte Streifen Wald, zwischen denen sich Mais- und Sojafelder kilometerweit hinziehen und der Be­zeichnung „industrialisierte Fruchtbarkeit“ alle Ehre machen. Als wir uns Vacaria nä­hern, klart der Himmel auf. Die letzten Wolkenfetzen überziehen das schier endlose Grün mit Licht und Schatten. Vacaria ist wegen des angenehmen Klimas und seiner Apfelkul­turen bekannt. Jährlich werden 160.000 Tonnen Äpfel geerntet. Nach diesen gelüstet es uns aber nicht, vielmehr nach einem herzhaft en Stück Fleisch, das wir in der Churrasca­ria „Altos da Gloria“ serviert bekommen. Das an langen Spießen gegrillte Fleisch wird direkt am Tisch serviert und ist genauso köstlich, wie der Tomatensalat mit Zwiebelrin­gen. Die Tomaten haben noch das vollmundige Aroma, das bei uns längst der Gewächs­haus-Produktion zum Opfer ge­fallen ist. Winkende Hände und Abschiedsrufe des Servi­cepersonals begleiten uns auf dem Weg zum Auto. So sollte es sein, wenn man die Men­schen ins Herz schließen will.

16 Iguaçu15_Wasserfälle von IguaçuAn diesem Tag haben wir genügend Zeit, um auf etwas erholsamere Art und Weise die Naturschönheiten der Iguaçu-Wasserfälle zu erleben. Unsere Wanderung führt durch einen dichten Regenwald, dessen Ruhe nur durch das Rascheln der unsichtbaren Waldbewohner gestört wird. Kleine Seen werden von Rinnsalen und Bä­chen gespeist, die über glänzende oder mit Moos bewachsene Basaltblöcke plätschern. Doch die Ruhe ist trügerisch. Denn hinter einem Pflanzenvorhang kann urplötzlich ein Wasserfall mit lautem Gepolter in die Tiefe stürzen. Unbeeindruckt vom Getöse sind die Vögel, die im Sturzflug in die Wasserfluten tauchen und, ohne Federn zu lassen, auch wieder herauskommen. Wie die vielen bunten Schmetterlinge bevorzugen sie zum Aus­ruhen die mächtigen Schirme der Baumfarne. Weiter oben in den Bäumen huschen quir­lige Kolibris durchs Geäst und suchen in den Orchideen nach Nektar. Da wir weit und breit die einzigen Menschen sind, lassen sich auch Fisch­otter, Kaimane und Capivaras sehen. Am Aussichtspunkt, der einen Blick auf die von Gischt umtoste „Isla San Martín“ freigibt, herrscht dichtes Gedränge. Statt um den besten Ausblick zu streiten, setzen wir unsere Wanderung fort, die an der Brücke zum „Mirador Garganto del Diablo“ endet. Die Gischt ist dort so stark, dass das Flussufer nicht zu erkennen ist. Wie heftig die Was­sermassen zuschlagen können, erkennt man auch an den Ruinen alter Besucherstege. Es ist ein absolut berauschendes Gefühl, zuvorderst auf der Brücke zu stehen, sich ganz und gar dem Getöse auszusetzen und von allen Seiten besprüht zu werden. Hans bleibt in si­cherem Abstand zurück, vor allem seiner Kamera zuliebe, die er nicht unbedingt einem Wassertest unterziehen will. Für den Rückweg benutzen wir dann die Bahn˚…

17 Immer hilfsbereitJe länger wir unterwegs sind, umso mehr teilen sich Sonne und Wol­ken den Himmel. Das ermuntert uns, am Rand einer idyllischen Chaussee anzuhal­ten, die beiderseits von mächtigen Bäumen gesäumt ist. Hans möchte sich die Füße ver­treten und ich mich auf einer Bank weiter mit meiner Lektüre befassen. Um dorthin zu gelan­gen, muss ich die Straße überqueren, aber zunächst einen riesigen Truck vorbeilas­sen. Darin sitzt ein laut sin­gender Fahrer, dessen gute Laune ansteckt. Ich winke ihm vergnügt mit beiden Armen zu. Dass er danach eine Vollbremsung einleitet und im Rückwärtsgang wieder auf mich zubraust, war nicht beabsichtigt. Hans eilt auf­merksam geworden herbei, denn die Ehefrau als Geisel entführt, scheint ihm wenig verlockend. Aber großer Irrtum: Es war nur Hilfsbereitschaft, die den Truckfahrer zurücktrieb. In der Meinung, wir hätten eine Panne, wollte er helfen. Hans klärt ihn lachend auf und bedankt sich. Währenddessen betrachte ich fasziniert sein Ge­sicht, das jedes altgriechische Ado­nis-Antlitz in den Schatten stellt. „So ein schöner Mann“, hauche ich ein ums andere Mal. Sein wohltönendes, von einem Lachen begleitetes „Tschau“ geht wie Amors Pfeil direkt ins Herz und macht mich sprachlos. Mit „Hallo, aufwachen!“ werde ich aus mei­nen Träumen gerissen, und das ist gut so, denn auch mein „Adonis“ ist nicht von schlechten Eltern˚…

18 Fahrt zum Pantanal19 PantanalEtwa 30 Kilometer hinter dem Ort Pocone beginnt der Nationalpark „Pantanal“. In allen Farben sprießende Büsche, aber auch fremdartige Baumriesen und silbrig-graue Termitenhügel unterbrechen die weiten Grasflächen. Je weiter wir dann in die Ebene vordringen, umso sumpfiger wird sie. Teiche, Wasserläufe und –gräben bestim­men immer mehr das Landschaftsbild, in dem das Symbol des Pantanals, der „Tuiuiú-Storch“ – auch „Jabirú“ genannt – majestätisch einherstolziert. Die Störche stechen we­gen ihrer Größe und der leuchtenden Farben Weiß, Schwarz und Rot aus der Masse der Vögel heraus, zu denen auch Reiher, Kraniche, Marabus, Geier und Falken gehören. In den Bäu­men tummeln sich Papageien, Eisvögel, Schnepfen und Spechte, die klappern, was das Zeug hält. Auch ein Gürteltier gibt uns die Ehre – ebenso wie eine „Kaimanko­lonie“, in der mindestens zehn Tiere auf der faulen Haut liegen. Während der Fahrt haben wir mehrere Holzbrücken überquert, die nur aus losen Brettern bestehen und uns jedes Mal zittern lassen, sowohl psychisch wie auch physisch. „Es wird nur noch wenige Tage dauern, bis diese Brücken überschwemmt sein werden und der Transport zur „Pousada do Rio Mutum“ mit Booten er­folgt“, lässt sich für einmal Robson vernehmen. Ich frage Hans, welchem Transportmittel er den Vorzug geben würde. Er zuckt mit den Schultern und verfolgt angestrengt, wie Robson eine besonders wackelige Brücke in Angriff nimmt˚…

20 Georg Heinrich von LangsdorffDer Südosten

„Meine Liebe, das müssen Sie unbedingt gelesen haben. Sie können sich auf ihrer Reise durch Minas Gerais 185 Jahre zurückversetzen und die Verhältnisse zu Langsdorffs Zeiten mit der Gegenwart vergleichen.“ Diesen Rat­schlag gab mir Renate von Rappart geb. von Langsdorff und parallel dazu die von ihr transkribierten Tagebü­cher ihres Ururgroßvaters Georg Heinrich von Langsdorff. Mit Renate von Rappart trat ich zum ersten Mal bei den Recherchen zu meinem Buch über die Kultur und Geschichte der Marquesas-Inseln in Kontakt. Ihr Ururgroßva­ter gehörte als Naturforscher und Arzt zu den Teilnehmern der ersten russischen Weltumseglung (1803 – 1806) unter dem Kommando von Johann Adam von Krusenstern. Auf dem Weg nach Japan wurde 1804 auf den Marquesas-Inseln ein mehrtägiger Halt eingeschoben. Nach seiner Rückkehr wurde Langsdorff Hofrat und Mit­glied der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg. Ab 1813 amtierte er als russischer Generalkonsul in Brasilien. Wäh­rend dieser Zeit (1821 – 1829) unternahm er verschiedene erfolgrei­che Expedi­tionen. Eine führte ihn von Mai 1824 bis Februar 1825 durch Minas Gerais, das auch unser Rei­seziel ist˚…

22 Mimosenbaum21 Auf dem Weg nach Espírito SantoDiamantina haben wir längst hinter uns gelas­sen. Die Straßenverhältnisse sind gut. Es gibt kaum Verkehr. Lange Strecken sind wir sogar alleine unterwegs. Ohne diese eigenwillig, bizarr geformten Felshöcker , wäre die Land­schaft öde und leer. Die Vegetation zeigt sich samt und sonders in einem trostlosen Olivgrün. Einzig ein leuch­tend goldgelb blühender Mimosenbaum sorgt für Abwechs­lung. Darunter vertreibt sich ein kolossales, grau-geschecktes Buckelrind die Zeit, das uns gleichgültig mustert. Der prächtige Mimosenbaum liefert zugleich das Stichwort für eine weitere Langsdorff -Episode:

„In Caethé, berichtete mir eine Person, dass sie aus Eifersucht zwei Männer, die im Ver­dacht eines unerlaubten Umgangs mit ihren Geliebten wären, auf eine höchst sonderbare Weise geschadet und solche ums Leben ge­bracht habe. Sie bekannte auf dem Sterbebett, dass nahe bei dem Ort in einem Garten ein Baum sei, dessen Samen in einer Bohne be­stünde und dass sie namentlich diesem und jenem Manne aus Eifersucht 3 bis 4 Gramm Pulver dieser Bohne beim Essen beigebracht hat und dass diese Bohne die Wirkung habe, die männlichen Ge­schlechtsteile gänzlich einzutrocknen und alle Visibilität (Sicht­barkeit) zu zerstören. Der Geistliche zeigte das Bekenntnis der Beichte an. Man kannte früher die sonderbare, unbekannte Krankheit ohne ihre Ursache, und nachdem sich die Tatsache durch Bekenntnis und Erfahrung bestätigt hatte, so ging die ganze Gerichts­barkeit (Magistrat) öffentlich nach dem Baum, ließ ihn umhauen, zerstören und verbren­nen. Niemand kennt den Baum und es soll kein ähnlicher in der Nachbarschaft existie­ren. Wie wichtig wäre es aber gewesen, eine naturhistori­sche, wissenschaftliche, botani­sche Kenntnis dieses Baumes zu haben. In ganz geringen Gaben von vielleicht ½ Gramm wäre es wohl bei der Einweisung eines jeden katholischen Geistlichen von der besten Wirkung gewesen, solchen vor allen fleischlichen Sünden und Gelüsten zu bewahren. In einem Lande, wo die Mimosa so häufig sind (ein Schotenbaum) habe ich die Vermutung, dass der gesuchte Baum wohl eine Mimose müsste gewesen sein“.
Unsere Mimose ist, soweit ich entdecken kann, bohnenlos. Langsdorff’s Schlussfolge­rung in Bezug auf die katholische Geistlichkeit hingegen aktueller denn je˚…

23 Rio Doce24 Auf AchseHinter Ipatinga biegen wir auf die BR 381 ein. Sie verläuft entlang des Rio Doce, der in der „Serra do Espinhaço“ entspringt und nach 590 Kilometern nördlich von Vitória im Bundesstaat Espírito Santo in den At­lantik mün­det. Der „Süße Fluss“ macht seinem Namen beileibe keine Ehre. Seine rostrote, schmut­zige Brühe hat weite Teile des Landes unter sich begraben. Büsche und Bäume ragen nur noch mit ihren obersten Spitzen aus dem Wasser. Bei einer Tankstelle halten wir an, um uns das Ausmaß der Überschwemmung anzusehen. Dabei reißt uns eine Schar aufgeregt schnatternder Gänse jäh aus den Betrachtungen. Ein zerzauster älterer Mann, der hinter ihnen aus dem Dickicht kraxelt, muss sie in die Flucht getrieben haben. Seine Arme sind voll bepackt mit frisch geschlagenen Bambusrohren, die kreuz und quer abstehen. Er scheint es eilig zu haben und ist dankbar, als Hans das Bambusdurcheinander unter sei­nen Armen in Ordnung bringt. Sein Hühnerstall sei unter dem Regen zusammengebro­chen und müsse dringend geflickt werden. Bambus sei das ideale Material dafür, gehöre aber dem „Posto“-Besitzer, der ein geiziger, misslauniger Geselle sei. Deshalb habe er die Gelegenheit nutzen müs­sen, solange der andere die Tankstelle bediene, klärt uns der Mann immer noch außer Atem auf. Zurück auf der Straße geht die Raserei weiter. Selbst ein Bus mit Schülern überholt uns mit überhöhter Geschwindigkeit. Eine der seltenen Hinweistafeln verkündet, dass es bis nach Salvador noch 1.100 Kilometer sind. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum das Gaspedal auf dem Weg in den Norden stets durch­gedrückt bleibt. „Eu vai com Deus“ (Ich fahre mit Gott), konnten wir auf einem riskant überholenden Lastwagen lesen, dem wir wenige Ki­lometer später wiederbegegnen, als er umgekippt in einem Straßengraben liegt. Es scheint, dass die Schutzengel samt Weg- und Brückenheiligen trotz ihrer Allmacht überfordert sind, alle rasenden Brasilianer im Auge zu behalten˚…

25 Vitória26 Viória, Convento da PenhaUnser erstes Ziel ist die Stadt Vila Velha. Sie wurde am 23. Mai 1535 von Portugiesen gegründet. Im Laufe ihrer langen Geschichte wurde sie mehrmals umgetauft. Zuerst trug sie den Namen „Vila do Espírito Santo“ (Stadt des Heiligen Geistes), dann „Vila Velha do Espírito Santo“ (Alte Stadt des Heili­gen Geistes) – und wer jetzt annimmt, dass nun die „Neue Stadt des Heiligen Geistes“ folgt, hat sich getäuscht. Sie wurde zur „Vila Nova de Nossa Senhora da Vitória“ (Neue Stadt unserer siegreichen Gottesmutter). Geeinigt hat man sich zu guter Letzt, nachdem man den Heiligen Geist und die Gottesmutter genug strapaziert hatte, auf „Vila Velha“, die auf dem Festland liegt und durch Brücken mit Vitória verbunden ist. Inmitten einer langen Autokolonne durchqueren wir das „Centro Histórico da Prainha“, bevor wir den Weg zum „Convento da Penha“ einschlagen. Das Kloster, erbaut 1558, steht auf einem 154 Meter hohen Felsen und ist das bedeutendste religiöse Monument Espírito Santos. Täglich strömen unzählige Menschen zu diesem Kloster, um die Heilige „Nossa Senhora da Penha“ um Schutz und Gnade zu bitten. Der steile, gepflasterte Aufstieg wurde von indianischen Sklaven angelegt. Auf der Plattform bietet sich ein traumhaft er Ausblick auf die Stadt, die Berge und die Bucht, in die eingebettet Vitória (die Hauptstadt des Bundesstaates Espirito Santo) liegt˚…

27 Ouro Preto, auf dem Markt28 Ouro PretoNach dem Frühstück geht Hans auf die Suche nach einer Reparaturwerksatt, wo unsere „Souvenirs“ vom vorherigen Tag – kaputter Reifen und eine leicht verbeulte Radfelge – ausgebessert werden müssen. Unterstützung erhält er von der hübschen Empfangsdame, die ein Double von Michelle Obama sein könnte. Als ich sie darauf anspreche, fragt sie erstaunt: „Who is she?“ Dafür kennt sie eine Werkstatt und macht die Sache perfekt. In einem Taxi entschwindet Hans meinen Blicken und ich begebe mich zur Praça Tiradentes, um nach einem Edelsteingeschäft Ausschau zu halten. Seit dem Besuch des Mineralienmuseums während unseres ersten Aufenthaltes in Ouro Preto hat mich der Wunsch nicht mehr losgelassen, einen Rohkristall zu besitzen. Die Auswahl an Geschäften ist so groß, dass ich es vorziehe, Hans die Entscheidung zu überlassen. Stattdessen wende ich mich dem Kunstmarkt zu. Minas Gerais muss über unerschöpfliche Speckstein-Ressourcen verfügen. Denn nur so kann ich mir die abertau­send Kunstwerke erklären, die die Verkaufsstände überquellen lassen. Lange Zeit schaue ich einem jungen Künstler zu, der an einem neuen Objekt arbeitet. Was es genau werden wird, kann er mir mit seinem wenigen Englisch nicht erklären. Beim Tiradentes-Denk­mal haben sich die Maler mit ihren Staffeleien in Stellung gebracht und bannen uner­müdlich die prachtvollen Kirchen und Kolonialbauten auf die Leinwand, die man dann in ganz Brasilien wieder zu sehen bekommen wird. In Bedrängnis geraten die Fotografen in den Gassen, die regelmäßig von den Autos in die Flucht geschlagen werden. Ein Deut­scher flucht wie ein Berserker, weil er, kaum positioniert, mitsamt Stativ zur Seite hech­ten muss. Mein Lachen trägt mir eine „blöde Kuh“ ein˚…

29 Congonhas30 CongonhasWieder auf der Hauptstraße biegen wir nach wenigen Kilometern Fahrt in Richtung Congonhas ab, das sich bereits am Horizont zeigt. Das noch vorwiegend koloniale Städtchen verdankt seine Berühmtheit der auf dem Hügel „Alto Maranhão“ thronenden „Basilica de Senhor Bom Jesus de Matosinhos“ zu verdanken. Auf der Freiterrasse der Basilika stehen die von Aleijadinho am Anfang des 19. Jahrhun­derts in Speckstein gehauenen zwölf biblischen Propheten. Jede der lebensgroßen Figu­ren trägt eine Schriftrolle in den Händen, die jeweils eine Prophezeiung in Latein enthält – insgesamt sechs gute und sechs schlechte. Die mit dramatischen Bewegungen und markanten Gesichtern ausgestatteten Propheten sind für uns die beeindruckendsten Kunstwerke Aleijadinhos, die wir bisher gesehen haben. Sie bestätigen zu Recht den Ruf Aleijadinhos als Michelangelo Brasiliens. Wenn man die Ge­sichter seiner Figuren auf­merksam betrachtet, dann entdeckt man in ihnen sehr wohl auch die Qual und das Leid ihres Schöpfers. Anders verhält es sich mit den aus Zedernholz geschnitzten Szenen der Passionsgeschichte, die in den sechs kleinen Kapellen unterhalb des Vorplatzes zu sehen sind. Diese fast lebendig wirkenden Szenen zeigen Aleijadinho und seine Gehilfen auch als Meister der Karikatur. Die Folterknechte und Peiniger Jesu sind klein von Wuchs und haben lange krumme Nasen und einfältige Gesichter. In den Souvenirläden steht das ge­samte Sortiment christlicher Devotionalien zur Auswahl. Besonders auffallend sind die Büsten schwarzer, erotischer Schönheiten, zwischen denen sich entrückt betende Fran­ziskanermönche tummeln. Dazu fällt mir ein Zitat von José Saramago ein: „Der eine glaubt an Gott, der andere nicht. Das Wichtigste ist, dass man sich unter­einander als Menschen versteht.“˚…

31 Olinda32 OlindaDer Nordosten

Bei der Planung dieser Reise gab es einen Wermutstropfen. Schweren Herzens haben wir auf ein Mietauto ver­zichtet. Hitze flimmernde Wüsten und Dörfer, in denen es kaum Übernachtungsmöglichkeiten gibt, schienen uns genauso wenig verlockend, wie die zweitausend Kilometer auf der vielbefahrenen Küstenstraße von Recife nach Belém. Wir entschieden uns deshalb für die schnellere Variante – Flüge mit TAM Airlines und Zwi­schenstopps in Fortaleza und São Luis.

Seit einer Viertelstunde sitzen wir im Taxi Richtung Olinda. Statt uns über Recife zu unterhalten, das zerstückelt, verbaut und ma­rode vorbeirauscht, erfahren wir von Nelson, dem Fahrer, Wissenswertes über Land und Leute der Schweiz. Seit er weiß, dass zu seinem Stammbaum auch Schweizer gehören, „googelt“ er leidenschaftlich nach Informationen zu unserem „gemeinsamen“ Heimat­land. Nelson kennt den Kurs des Schweizer Frankens, die Einwohnerzahl des Landes, die erste Strophe der Nationalhymne, den technischen Fortschritt im Gotthard­tunnel und Schillers „Tell“. „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen“ ist nur eine Kostprobe. Außerdem verehrt er Heinrich Pestalozzi und Roger Fe­derer. Sein Lieblingsberg ist das Matterhorn und selbstverständlich weiß er auch, wie hoch dieses ist. Nach einer knappen Stunde verlassen wir, gedemütigt in unserer „hei­matkundlichen Allgemeinbildung“, an der Praça do Carmo das Taxi. Nelson wird uns drei Stunden später wieder abholen.

DSCN0622Eduardo, unser Patenkind aus Recife, ist zehn Jahre alt. Vermittelt hat die Patenschaft das internationale Kinderhilfswerk Plan. Über die Organisation wurden Briefe und kleine Geschenke geschickt, gesehen oder gesprochen haben wir Eduardo noch nie. Nun ist also Premiere und dementsprechend aufgeregt bin ich.

Um 10.00 Uhr sitzen wir gespannt in der Empfangshalle unseres Hotels und warten voller Vorfreude auf die Plan-Mitarbeiter, die uns zu Eduardo und seiner Familie bringen werden. Nach einer kurzen Fahrt erreichen wir das Zuhause von Eduardo: hier werden wir von ihm und seiner Mutter Rejanete bereits erwartet und ins Haus gebeten. Rejanete heisst uns mit einer Selbstverständlichkeit willkommen, als wären wir alte Freunde, die eben mal vorbeischauen. Eduardo merkt man hingegen die Spannung an. Er rutscht hippelig auf dem Sofa hin und her und schaut fragend zu Jose, dem Betreuer von Plan, der ihm das Stichwort Schule liefert, womit der Damm gebrochen ist. Am „coolsten“ findet er er, dass er wegen unseres Besuchs schulfrei bekommen hat. Ob wir am nächsten Tag nicht noch mal kommen könnten. Zudem habe er alle Prüfungen bestanden und könne auf eine höhere Schule wechseln. Es gefalle ihm nicht, dass er dort Spanisch lernen müsse. Er hätte viel lieber Englisch. Seine Favoriten im Fernsehen seien amerikanische Trickfilme. Eduardo zeigt mir das Familienalbum, in dem er mit all seinen Verwandten zu sehen ist. Das Foto von meinem Mann und mir – das wir auf Empfehlung von Plan geschickt haben – steht auf einer Kommode und teilt sich den Silberrahmen mit einem Foto von Eduardos Vater, der mit Freunden einen Fussballpokal in Empfang nimmt. Eine grössere Ehre konnte uns nicht widerfahren. Ohne viele Worte verstehe ich mich mit dem Jungen aufs herzlichste und halte den Zeitpunkt für gekommen, ihm unsere „Wundertüte“ mit Fussball und Armbanduhr in die Hand zu drücken, was er mit einem Freudenschrei quittiert.

Inzwischen ist auch die Nachbarschaft hellhörig geworden – allen voran Emilia, die ge­genüber wohnt. Erst vor kurzem sei der Pate ihrer schönen und gescheiten Lydiana aus England da gewesen. Als sich die angekündigte Lydiana nicht blicken lässt, wird sie her­beizitiert, was keine Wirkung zeigt. Dafür erscheinen weitere Nachbarn und füllen das Wohnzimmer, in dem es immer stickiger wird, so dass wir auf die Strasse in den Schat­ten wechseln. Dort vergrössert sich die „Versammlung“ weiter. Zusammen mit Antonio schleppt Eduardo alle verfügbaren Sitzgelegenheiten herbei. Eduardos und Antonios Väter sammeln Plastikabfälle und stellen daraus die Hocker her, auf denen wir Platz nehmen. Mit dem Verdienst kommen beide Familien einigermassen über die Runden. Auch Lydiana lässt sich endlich blicken. Sie will Kosmetikerin werden und hat die lange Zeit gebraucht, um sich zu schminken. Als die Männer beim Thema Fussball ankommen, schlagen Rejanete und Tarciana mir vor, die Strasse entlang zu spazieren. Zwischen den Häusern erstreckt sich mit spärlichem Gras bewachsenes Niemandsland, auf dem drei magere Pferde grasen sowie Ziegen und Schweine herumtollen. Diese kleine „heile Welt“ endet abrupt drei Strassen weiter, denn dort gingen bereits die Probleme mit den Drogen, der Prostitution und der Kriminalität los. Rejanete erzählt bekümmert, dass man zwar alles daran setze, die Kinder von diesem Sumpf fernzuhalten, es aber nicht immer gelinge. Dann führt sie uns nochmals ins Haus. Und erklärt uns, dass ihr Mann als nächstes für Eduardo ein Zimmer ausbauen wolle, denn noch schlafe er ja auf der Couch im Wohnzimmer.

Wie verabredet fährt nach zweieinhalb Stunden unser Fahrer wieder vor. Unsere Be­suchszeit ist zu Ende. Die Abschiedszeremonie ist gewaltig. Emilia, die uns ein ums an­dere Mal umarmt, lädt uns zu ihrem Geburtstagsfest im Mai ein und die Mutter von An­tonio will uns partout zum Abendessen wiedersehen. Eduardo verspricht, uns in der Schweiz zu besuchen, aber erst wenn er ein berühmter Fussballer sei. Rejanete umarmt mich und sagt „Adeus“, aber bei beiden laufen die Tränen.“

353736Eine Wüste im tropischen Brasilien, das die allermeisten an immergrüne Regenwälder denken lässt – wer kann sich das vorstellen? Ich konnte es nicht und bin deshalb umso neugieriger was uns in Brasiliens Sahara er­wartet. Um dorthin zu gelangen, muss man sich einheimischen Führern anvertrauen, die die Besucher auf Geländewa­gen in den Nationalpark bringen. Unser Jeep ist bereits mit zwölf Personen besetzt. Wir sind die letzten die zusteigen und die einzigen Fremden. Barreirinhas, das als Tor zum Nationalpark gilt, liegt am mächtigen Rio Preguiça, den wir mit einer altersschwachen Fähre überqueren. Am gegenüberliegenden Ufer beginnt der Weg in die „Lençois“, wie die Dünen kurz genannt werden. Von „Weg“ kann aller­dings nicht die Rede sein. Es sind lediglich verwischte Reifenspuren im Sand, durch den sich der Jeep in rasantem Tempo pflügt. Dabei wird man regelmäßig von den Sitzen in die Höhe katapultiert und leidet unter der schmerzhaften Landung auf den harten Bänken. Büsche und Äste zerkratzen zudem Gesicht und Arme, was außer mir aber niemand zu stören scheint. Je ruppiger die Fahrt, umso grösser das Vergnügen. „Sind die Brasilianer eigentlich schmerzresistenter als wir?“ brülle ich Hans zornig ins Ohr. Die Antwort bleibt er schuldig, weil ihn ein weiterer Mordsruck in die wabbelnde Körperfülle der Dame zu seiner Linken katapultiert, aus der er es für ihn kaum ein Entrinnen gibt. Trotz­dem ist mir nicht zum Lachen zu Mute. Ich frage mich, wie immer in solchen Situatio­nen, ob das Ganze die Schinderei am Ende wett macht. Als wir unser Ziel erreicht haben, können wir nicht glauben, was wir zu sehen bekommen. Vor uns türmen sich schnee­weiße Sanddünen auf, die wie riesige Laken scheinbar wahllos über die Landschaft ge­worfen wurden. Um diese gewaltigen Eindrücke mit allen Sinnen erfassen zu können, entledigen wir uns hurtig der Schuhe und stürmen barfuss los – hinein in diese pittoreske Dünenlandschaft. Wir erklimmen eine schätzungsweise 20 Meter hohe Düne, wühlen uns – zwei Schritte vor, einer zurück – hinauf auf einen noch höheren Kamm, der wiederum den Blick freigibt auf weitere halbmondförmige Sichelkämme, die sich scharf gegen den tiefblauen Himmel abheben. Lagunen, die sich in den Senken gebildet haben, sorgen für türkisfarbene und azurblaue Farbtupfer. Wir hätten noch ewig weitergehen können, hätte uns nicht einer der Reiseleiter zurückgepfiffen. Die Gefahr, dass man sich verlaufe, sei groß, bekommen wir zu hören. Wir wären nicht die Ersten, die vergeblich nach dem Ausgangspunkt suchten, denn man dürfe die Dünenbewegungen nicht unterschätzen. Sie pflegen alles zu verschlingen, was sich ihnen in den Weg stelle. Ich bin der Meinung, dass das zu viel der Dramatik ist. Hans, der Sahara-erprobte Expeditionsteilnehmer, stimmt dem Gesagten zu. Deshalb kehren wir folgsam zu unserer Reisegruppe zurück, die sich in einer der Lagunen tummelt. Da wir unsere Badesachen im Hotel gelassen ha­ben, betrachten wir das zappelige Wasserleben – wohlgemerkt der Tiere – vom Ufer aus˚…

37 Im Urwald38 MangrovenWir sitzen wieder im Blechboot und bie­gen in einen schmalen, von Grünzeug überwucherten Flusslauf ein. Das Wasser fließt träge dahin und hat die Farbe, vergleichbar etwa mit einem trüben, milchigen Flaschengrün. Irgendwo am matschigen Ufer halten wir an. Mit Angst und Bangen sehe ich mich die Uferböschung hinaufklettern und es passiert, was das Gefühl bereits signalisierte: Ich komme ins Straucheln und hänge zu guter Letzt kopfüber im Wurzelwerk. „Offenbar gibt es doch mehr Schrecken als Wun­der“, geht es mir durch den Sinn, während sich Hans und Aldemir bemühen, mich aus der misslichen Lage zu befreien, ohne selbst ins Rutschen zu geraten. Als sie mich wie­der auf die Beine stellen, bin ich von oben bis unten mit Dreck verschmiert und blute aus einer Schürfwunde, die vom Unterarm bis zum Handgelenk reicht. „Verflixt, Frau, musst du immer für Aufregung sorgen?“, schimpft der Ehemann und sucht nach Verbandszeug. Aldemir hingegen eilt zu einem Baum, haut eine Kerbe in den Stamm und schmiert mir den austretenden Saft auf die Wunde. Es brennt höllisch. Während sich mein Kreislauf beruhigt, zeigt Aldemir auf allerlei Pflanzen, die den Indianern vor 3.000 Jahren Nahrung und Medizin lieferten – so wie der Baum, dessen Saft meine Wunde bedeckt. Um die einstige Existenz der Waldmenschen in diesem Gebiet zusätzlich zu dokumentieren, greift er nach einer Tonscherbe, die er „rein zufällig“ am Fuß eines Baumes „ent­deckt“ und die das archäologische Beweisstück seiner Theorie darstellen soll, was in uns aber mehr Zweifel als Glaube weckt. Genauso unnötig scheint Aldemirs Dschungelausrüstung mit einer imposanten Machete zu sein. Letztere soll wohl den Weg durchs Dickicht bah­nen. Doch die Vision, in einen undurchdringlichen Dschungel einzutauchen, der sich nur nach ein paar kraft vollen Hieben wenige Meter weit öffnet, um sich unmittelbar hinter uns wieder zu schließen, bleibt eine solche. Wir wandeln auf einem ausgetretenen Tram­pelpfad, den viele vor uns schon gegangen sind, was dem Spaziergang aber keinesfalls zum Nachteil gereicht. Nicht nur, dass dadurch der Rest des Waldes geschont wird, man kann sich auch unverkrampft den visuellen Freuden hingeben, zu denen gebündelte Lichtstrahlen gehören, die aus 50 Metern Höhe den Weg zum schattigen Erdreich su­chen. Gleitet der Blick entlang dieser Bahnen hinauf zum immergrünen Baldachin, er­kennt man die Schatten der Tiere, die in dieser schwindelerregenden Höhe zu Hause sind. Die eigentlichen Könige des Waldes, Riesenschlangen und Jaguare, halten sich verbor­gen. Dafür bevölkert ein stummes Millionenheer von Ameisen und Insekten den Boden und die riesigen Brettwurzeln, die mit ihren Gängen und Höhlen ideale Behausungen sind. Das grüne Universum zwingt zum andächtigen Schweigen. Man sieht, staunt und fühlt sich eingebunden in den ewigen Zyklus von Sterben, Verrotten, Auferstehen, Blü­hen und Gedeihen. Umso mehr packt mich dann auch ein heili­ger Zorn über die skru­pellosen Zerstörungen des tropischen Regenwaldes mit seinen Menschen, Tieren und zahllosen Wundern der Natur, der keine Zeit gelassen wird, sich jemals wieder zu rege­nerieren. Dagegen aufzu­begehren und sich nachhaltig für die Erhaltung des Regenwaldes einzusetzen, wird mehr denn je eine Verpflich-tung sein. Ich weiß, dass ich mich jetzt ereifere, aber wenn man auf Reisen geht, erzählt man, was man gesehen hat. Und weil ich nicht unterwegs bin, um nur zu berichten, dass die Sonne im Osten auf- und im Wes­ten untergeht, sollen auch derartige Kommentare erlaubt sein˚…

39 Belém, Markt40 Belém, MarktAls wir schliesslich beim „ver-o-peso-Markt“ (Belém) eintreffen, sind die typischen bunt bemalten Fischkutter längst ausge­räumt und die fang­frischen Amazonasfische in der Markthalle ausgebreitet. Diese reicht schon lange nicht mehr für alle Anbieter, was viele der Fischer zwingt, ihren Fang direkt am Kai anzubie­ten, wo sich Vögel und magere Hunde heftig und laut um den Abfall streiten. Hans und Markus bleiben zurück, um die seltenen Fische zu foto­grafieren. Catherine und ich schlendern weiter zum Früchte-, Gemüse- und Blumenmarkt, wo uns die exorbitante Vielfalt sprachlos macht. Nicht umsonst heisst der Mark „Amazoniens grüne Apotheke“, denn dort finden sich auch die Produkte der Schamanen und Kräuterfrauen, die respekt­voll „Tias“ genannt werden. Mit einer von ihnen kommt Catherine ins Gespräch und bald sind wir damit überfordert, ihre Elixiere, Essenzen und Zauber­mittel auseinanderzuhal­ten. In Flaschen und Fläschchen, in Leinensäcken und Schuhkartons stapeln sich: Tier­knochen, getrocknete Seepferdchen, Kräuter, Wurzeln, Baumrinden, Gürteltierschwänze, Kaiman-Amulette, eingelegte Schlangen, Skorpione, gedörrte Geschlechtsorgane von Süßwasserdelphinen, Schildkrötenpanzer, Büffel-Hoden und Parfums. Der Renner ist eine goldene, stark duftende Essenz, die unwiderstehliche Anzie­hungskraft auf Männer, Frauen, Geld und Glück ausüben soll. Unsere „Tia“, die nach eigener Aussage einen festen Kundenstamm aus allen Gesellschaftsschichten hat, ist nicht davon abzubringen, dass ihre Produkte alle Krankheiten zu heilen vermögen. „Weg, weg, weg mit der Phar­maindustrie und ihren Produkten“, ereifert sie sich keifend. An anderen Ständen hat man sich dem Zeitgeist angepasst. Dort ist Viagra der große Verkaufs­schlager. Statt Pillen sind es Portionsfläschchen mit einer dunkelbraunen Tinktur. Als mir ein Verkäufer mit übertriebenen Gebärden partout diese Tinktur andrehen will, bitte ich Catherine zu über­setzen, dass ich zum Teufel noch mal kein Organ besitze, das in Tiefschlaf verfallen von Auferstehung träumt. Daraufhin bekommt Catherine einen Lachkrampf und es scheint ratsam, die „grüne Apotheke“ zu verlassen˚…

Brasília

42 Juscelino Kubitschek41 Brasília„Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ Dieses Mal ist es ein kleiner Verkaufsstand, welcher mit Kokosnüssen und Getränken, eine Oase in der Wüste die Lebensgeister wieder weckt. Der geflickte und verwaschene Sonnenschirm bedeckt zwar nur knapp die Kühlbox, den Tisch, die Verkäuferin und einen Stuhl, auf dem ich mich dankbar niederlasse und genauso dankbar eine Kokosnuss in Empfang nehme. Ohne Übertreibung, ich kann mich an kein Wasser einer Kokosnuss erinnern, das so willkommen und köstlich war wie dieses. Das­selbe behauptet Hans von seinem Bier. Während ich mich dem Genuss hingebe, kreisen meine Ge­danken um die Frage, in welche meiner „Schubladen“ ich Brasília stecken soll. Zu Salvador da Bahia oder Belém? Nie im Leben. Rio de Janeiro, São Paulo? Auch nicht – und schon gar nicht zu Blumenau und Pomerode, dem deutschen Heimatwerk. Brasília bekommt ihre eigene. Da können sich dann Verstand und Ge­müt nach Herzenslust strei­ten. Der Verstand, der sich an Oscar Niemeyers ästhetischen, technokratischen Visio­nen begeistert, während sich das Gemüt beklagt, weil es vergebens nach Winkeln, Gassen und lauschiger Atmo­sphäre sucht. Einigen wird man sich nicht können, weil es unmög­lich ist, auf Brasília geläufige Maßstäbe anzu­wenden. Ob man will oder nicht, man muss sich mit „Setores“, „Superquadras“ und „Blocos“ arrangieren˚…

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